31. März 2020
Der in Deutschland entwickelte HydroCleaner basiert auf dem Prinzip der hydrodynamischen Oberflächenreibung und kommt ohne Chemie aus. Eine Vielzahl von Kunsstoffarten kann damit hochrein aufbereitet werden.

Eine Lösung für die Quote

Die vom neuen Verpackungsgesetz geforderte Recyclingquote steckt hohe Ziele für Entsorger, Inverkehrbringer von Leichtverpackungen und Verbraucher. „Ich stehe voll hinter diesem Gesetz. Aber 30 Prozent des Mülls, der in den Gelben Tonnen oder den Gelben Säcken landet, hat darin nichts zu suchen“, sagt Michael Wieczorek, Geschäftsführer der Lobbe Entsorgung West GmbH & Co. KG, einem der größten Entsorgungsunternehmen in Deutschland.

Auf den Betriebshöfen der verschiedenen Lobbe-Unternehmen landen 215.000 Tonnen Leichtverpackungen jährlich, die Lobbe im Auftrag der Dualen Systeme recycelt oder entsorgt. Das ist etwas weniger als ein Zehntel des Gesamtaufkommens an Verpackungsmüll in ganz Deutschland. Am Hauptsitz des Unternehmens in Iserlohn sowie beim Beteiligungsunternehmen Meilo in Gernsheim betreibt Lobbe zwei der modernsten Sortieranlagen für Leichtverpackungen (LVP). Michael Wieczorek weiß was dort alles landet und gibt sich keinen Illusionen hin. Die im Gesetz formulierte Quote, 50 Prozent des Verpackungsmülls in wiederverwertbares Material zu überführen, sei sehr ehrgeizig.

Schlechter Input

Und das hat zum großen Teil mit dem Unwissen oder der Dickfelligkeit der Verbraucher zu tun, die auch schon mal benutzte Windeln in der Gelben Tonne entsorgen. „Wir brauchen dringend mehr Aufklärung über die Leichtverpackungen, die in die gelbe Tonne oder den gelben Sack gehören. Wir setzen auf mehr Öffentlichkeitsarbeit, ein stärkeres Bewusstsein und langfristig auf ein Umdenken der Verbraucher“, sagt Michael Wieczorek.

Aber auch die Verbundstoffe machen dem Entsorger das Leben schwer. So sind beispielsweise die im Supermarkt allgegenwärtigen PET-Schalen für Wieczorek nicht verwertbar: „Diese Verpackungen sind meist vielfach kaschiert, bestehen also aus einem Gemisch verschiedener Kunststoffe. Bleibt derzeit als einzige technische Alternative nur, sie auszusortieren und zu verbrennen“, so der Geschäftsführer Lobbe Entsorgung West GmbH & Co KG. Besser wäre Polypropylen, aber dieses Material sei teurer. Auch Designtrends machen den Recyclern unter Umständen zu schaffen: So lassen sich die vor allem bei jungen Konsumenten beliebten schwarzen Kunststoffverpackungen noch nicht maschinell sortieren – sie werden von den optischen Systemen derzeit nicht erkannt. Auch die zunehmend verbreiteten Inmould-Label sind aus der Perspektive eines hochwertigen Recyclings problematisch.

Verstärkung aus Schwerin

Auf guten Willen, Einsicht oder ein steigendes Bewusstsein für die Problematik bei Herstellern und Verbrauchern wartet Lobbe allerdings nicht. Eine substanziellen „Verbesserung des Inputs“, wie es Wieczorek ausdrückt, wird Zeit benötigen, Zeit zum Umdenken. Lobbe arbeitet an einer Lösung für das Recycling von Mischkunststoffen, um zeitnah die gesetzliche Quote zu schaffen.

Vom Nischenanbieter zum gefragten Spezialisten: Am Standort Schwerin produziert die Folienverendelung Hamburg hochwertige Typgranulate und demnächst auch Compounds aus recyceltem Kunststoff. Foto: Lobbe

Einen Teil dieser Lösung sieht man bei Lobbe in der Mehrheitsbeteiligung an der Firma Folienveredelung Hamburg (FVH) mit Sitz in Schwerin. 80 Prozent der Anteile hält die Lobbe Entsorgung West seit August 2018 an dem Recycling-Spezialisten, und ab Sommer 2019 sollen dort jährlich bis zu ca. 15.000 Tonnen Kunststofffolien und Mischkunststoffe aus Leichtverpackungen recycelt werden. FVH hat dafür ein innovatives und weltweit patentiertes Verfahren zur Wäsche, Trennung und Trocknung entwickelt. Dabei werden die Verpackungsabfälle zunächst mittels dosierter Reibung und turbulenter Wasserströmung gereinigt, und zwar auch von Klebstoffen und anhaftenden Etiketten. Auf chemische Reinigung, etwa durch Natronlauge, kann verzichtet werden. Am Ende steht ein Anteil verbleibender Verunreinigungen von unter 10 ppm (parts per million). Anschließend wird der Kunststoff eingeschmolzen, filtriert und zu hochwertigen Typgranulaten aus Polyethylen niedriger Dichte für die kunststoffverarbeitende Industrie verarbeitet.

Mehr Mut ist gefragt

Ein Schritt in die richtige Richtung, wie Michael Wieczorek findet, denn schließlich entstehen so stoffliche Verwertungen für Kunststoffabfälle, bei denen das in der Vergangenheit nur schwer möglich war. Aber eine echte Kreislaufwirtschaft, bei der aus recycelten Verpackungen wieder neue Verpackungen werden, ist das noch lange nicht: „Aus diesen Rezyklaten entstehen Produkte wie Parkbänke, Müllsäcke und Eimer. Eine Verwendung in der Verpackungsindustrie ist eher die Ausnahme.“

Dabei reicht die Qualität der Granulate (zukünftig sollen auch Compounds angeboten werden) durchaus, um Primärkunststoffe in Anwendungen und Produkten zu ersetzen, in denen dies bislang nicht vorstellbar war – auch für Verpackungen. „Immer mehr Marken und Verpackungshersteller erkennen das Problem und handeln danach“ betont Wieczorek und führt als Beispiel die Werner & Merz-Gruppe mit ihren Marken Frosch, Erdal und Tana an. Das Unternehmen verwendet für seine Produkte nicht nur Verpackungen, die ganz oder zu einem hohen Anteil aus recyceltem Kunststoff bestehen, es engagiert sich auch stark in verschiedenen Initiativen mit dem Ziel eines geschlossenen Verwertungskreislaufs nach dem Cradle-to-Cradle-Prinzip. Dafür gibt es auch noch ein weiteres Argument: Die Herstellung von Rezyklat verursacht bis zu 90 Prozent weniger CO₂ wie die von Neuware.

„Muss das sein?“

Am Ende aber, auch das betont Michael Wieczorek, ist der beste Verpackungsmüll derjenige, der gar nicht erst entsteht. „Wir sind als Gesellschaft hier ein bisschen von der Bahn abgekommen“, sagt er mit Blick auf die wachsenden Berge von Plastikmüll, auch und vor allem in den Meeren der Welt. „Wir sollten uns bei jeder Verpackung fragen: muss das sein?“ Der chinesische Importstopp für Kunststoffabfälle sei vielleicht so etwas wie ein heilsamer Schock gewesen: Nicht nur, dass eine Entsorgungsmöglichkeit für unbequeme Abfälle weggefallen sei – da China nun eine eigene Granulat-Produktion aufbaue, entstünden Anreize, leistungsfähige Sortier- und Verwertungskapazitäten für Kunststoffe „made in Germany“ zu errichten. „Ökologische Verantwortung und ökonomische Chance müssen zusammen gedacht werden, sie sind kein Gegensatz“, ist Wieczorek überzeugt. „Es ist dringend an der Zeit, dass sowohl die Inverkehrbringer, die Konsumenten und – ja – auch die Recyclingbranche an einem Strang ziehen und Lösungen entwickeln.“ Dass Fehlwürfe für das Recycling konterproduktiv seien, dass bei den Verkaufsverpackungen die Recyclingfähigkeit deutlich gesteigert werden müsse und letztlich bei fehlenden Kurskorrekturen konsequent entsprechende ökonomische Sanktionen erfolgen müssten.

Michael Wieczorek, Geschäftsführer der Lobbe Entsorgung West GmbH & Co. KG. Foto: Lobbe

 

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