31. März 2020
Von Bochum in die ganze Welt: Webomatic exportiert den weitaus größten Teil seiner Maschinen.

Dem Ingenieur ist nichts zu schwer

Nathalie Bonk darf man mit Fug und Recht eine Ausnahmeerscheinung in der ansonsten noch immer sehr von Männern dominierten Welt des deutschen Mittelstandes bezeichnen. Mit außerordentlicher Kompetenz und Leidenschaft führt die Ökonomin gemeinsam mit Vater Ralf Bonk in dritter Generation das Familienunternehmen WEBOMATIC, dass im Jahr 2018 sein 60-jähriges Jubiläum feierte.

Auch wenn Nathalie Bonk immer wieder betont, sie sei keine Technikerin, und ihr Vater, der Ingenieur, könne das alles viel besser erklären: Mit großem Sachverstand und Detailwissen führt sie durch die Bochumer Betriebsstätte des Herstellers für Vakuum- und Tiefziehmaschinen, Schalensiegelmaschinen und Schrumpfanlagen, dessen Produkte weltweit vor allem im Lebensmittelbereich nachgefragt werden. Viel wichtiger noch: Aus jedem ihrer Sätze spricht die Begeisterung für das, was WEBOMATIC in ihren Augen ausmacht. Echte Ingenieurskunst, höchste Qualitätsnormen, unmittelbare Beziehungen zu den Kunden und eine Bodenständigkeit, die das Kundenbedürfnis zum Mittelpunkt unternehmerischen Handelns macht. „Wir bekommen hier manchmal Maschinen zur Reparatur, die älter sind als ich“, lächelt Nathalie Bonk. „Das ist es, wofür wir stehen: Qualität und Langlebigkeit.“ Und das bedeutet auch nicht immer unbedingt High-Tech. „Wir können selbstverständlich auch Industrie 4.0“, sagt die Marketingleiterin, „aber vielen unserer Kunden sind andere Werte wichtiger: Zuverlässigkeit im harten Dauereinsatz, eine Bedienung und Fehlerresistenz, die auch den Einsatz unqualifizierter Kräfte erlaubt sowie geringer Ressourcenbedarf auf allen Ebenen – von der Druckluft bis zum Personal.“ Das liegt auch daran, dass WEBOMATIC seine Maschinen sowohl an Handwerksbetriebe und Supermärkte wie auch an große industrielle Hersteller liefert – für den Einzelbetrieb ebenso wie integriert in komplette Produktionslinien.

Nathalie Bonk an einer der in Montage befindlichen Kammerbandmaschine. Foto: Andreas Tietz

Kampf der Verschwendung

Ein Blick in die Vergangenheit von WEBOMATIC zeigt, dass Tüftelei und das stetige Streben nach Verbesserung von Beginn an die Philosophie der Unternehmerfamilie Bonk war. Nathalie Bonk: „Meine Großeltern gehörten ja zur Kriegsgeneration. Nach all der Zerstörung wollten sie sich etwas aufbauen und auf eigenen Beinen stehen.“ In den 1950-er Jahren eröffneten sie ihren ersten Laden, in dem Hildegard und Werner Bonk zunächst Milch und Lebensmittel vor allem an die Bergleute im Ruhrgebiet verkauften, die zur Schicht gingen. Weitere Läden kamen bald hinzu.

„Verschwendung war meinem Großvater, der noch die Kriegsnot erlebt hat, ein Graus“, berichtet Nathalie Bonk. „Und so ärgerte er sich, dass bei den damaligen Verpackungsmethoden die erste Scheibe beim Anschnitt von Wurst oder Käse immer weggeworfen wurde, weil sie eingetrocknet war.“ Werner Bonk suchte nach einer Lösung für dieses Problem und begann in der heimischen Garage zu experimentieren. Man müsste die Lebensmittel luftdicht umhüllen, so seine Überlegung. Dazu packte er seine Testobjekte in Plastikbeutel und presste mittels eines Schaumstoffkissens unter einer Blechhaube die Luft aus dem Beutel heraus. Dann verschweißte er im selben Arbeitsgang mit einer heißen Metallleiste die Beutelöffnung – fertig war die erste manuelle Siegelmaschine. Es dauerte nicht lange, bis sich unter befreundeten Kaufleuten herumsprach, was der Werner da gebaut hatte. Auch sie wollten ihre Ware besser vor Verderb schützen, und so baute Werner Bonk weitere Maschinen in seiner Garage und verkaufte sie. Und allmählich keimte in ihm der Gedanke, dass es vielleicht ein gutes Geschäft sein könnte, solche Siegelmaschinen in Serie zu bauen statt weiter mit Lebensmitteln zu handeln. Das war die Geburtsstunde der Firma Webo Apparatebau, die 1958 gegründet wurde.

Die erste Siegelmaschine von Werner Bonk ist heute im Eingangsbereich der Webomatic-Niederlassung in Bochum ausgestellt. Foto: Andreas Tietz

Schon bald versuchte Werner Bonk, die Luft in den Beuteln mittels Vakuum zu evakuieren – mit Erfolg, denn schon 1960 begann er entsprechende Maschinen zu produzieren. Mit Sohn Ralf Bonk kamen später Traysealer und Tiefzieher sowie große automatische Schrumpflinien hinzu. „Das ist bis heute unsere Spezialität“, spannt Nathalie Bonk den Bogen in die Gegenwart. „Was wir am besten können, sind Vakuumverpackungen, und mit diesem Fokus können wir uns auch im Wettbewerb mit wesentlich größeren Marktteilnehmern gut behaupten.“

Reiz der Herausforderung

Ein Teil dieses Erfolgsrezeptes ist eben dieses Selbstverständnis von guter Ingenieurskunst, die einerseits ein Bekenntnis zu höchstmöglicher Qualität und kundenspezifischen Lösungen ist. So haben die WEBOMATIC-Maschinen laut Nathalie Bonk den höchsten Edelstahlanteil im Markt. Für jede einzelne Installation wird entweder eine eigenentwickelte Steuerung (bei kleineren Maschinen) oder eine den individuellen Gegebenheiten angepasste SPS-Steuerung (bei Industriemaschinen) programmiert. Die hohe Fertigungstiefe von 80 Prozent am Standort Bochum bedeutet zudem, dass WEBOMATIC für die Qualität aller Maschinenkomponenten bürgt: Hier wird von der ersten Idee bis zum Versand alles aus einer Hand realisiert. Andererseits mündet die Bonksche Technikverliebtheit immer wieder in pfiffige Konstruktionen und Patente. So gelang es WEBOMATIC erst kürzlich, die Haube einer Kammerbandmaschine so zu gestalten, dass sie auch von der Innenseite leicht zu reinigen ist – und ohne dass dabei Spülwasser und Reinigungsmittel auf das Band tropfen. Dabei folgt das Unternehmen den eigenen, 2013 eigeführten WEBOMATIC Clean Design-Konstruktionsprinzipien, die an die Hygienic Design-Standards angelehnt sind. Für einen Kunden realisierte WEBOMATIC eine Aluminium-Verpackung für Grillkäse, die nach dem Öffnen direkt auf den Grill gestellt werden kann – und also weder aufgeklebte Etiketten oder überhaupt Kleber oder Lackierungen und dergleichen haben durfte. Eine Herausforderung, so etwas luftdicht zu verschließen. „Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass selbst scheinbar einfache Packprozesse höchst komplexe und spezifische Anforderungen stellen können“, betont Nathalie Bonk. „Das bedingt eine enge Partnerschaft mit den Kunden und ist ein Grund dafür, warum uns nicht wenige davon seit 60 Jahren die Treue halten.“

Blick in die Fertigung von WEBOMATIC: Das Unternehmen setzt auf große Fertigungstiefe und einen hohen Edelstahlanteil. Fotos: Andreas Tietz

Enge Kundenbeziehungen

Dieses enge Verhältnis bedeutet auch, dass man Chefin und Chef von WEBOMATIC stets persönlich anrufen kann. Und das gilt nicht nur für die deutschen Kunden, die mit 30 Prozent Anteil am Gesamtvolumen in der Minderheit sind. Viele WEBOMATIC-Maschinen stehen in Osteuropa, in den Benelux-Ländern, in Skandinavien, Lateinamerika und Asien. Zu allen diesen Kunden hält WEBOMATIC direkten Kontakt; Mitarbeiter sind regelmäßig unterwegs, nehmen Anregungen und neue Trends auf. So gehen beispielsweise immer mehr Supermärkte in Belgien und Holland dazu über, frische Lebensmittel im Markt selbst zuzubereiten und zu verpacken – eine Idee, die dank Nathalie und Ralf Bonks Vermittlung gerade auch in Japan auf Interesse stößt: „Das ist ein interessanter Ansatz, der ganz ohne komplexe Portionier- und Verpackungslinien auskommt: Mehrere einfache Maschinen, Festlegung auf Standardformate und -materialien, jede mit einem Werkzeug, das so gut wie nie gewechselt wird. Und produziert wird immer nur für den Tagesbedarf im Laden.“

Gelegenheit, Trends zu erschnuppern und mit Kunden ins Gespräch zu kommen, bieten immer wieder auch große Messen wie die Anuga Foodtec. Für deren letzte Ausgabe im Jahr 2018 zieht Nathalie Bonk ein sehr positives Resümee: „Wir hatten für die kurze Messezeit von nur drei Tagen sehr viele Kontakte, die vor allem hoch qualifiziert waren. Die Besucher – unter ihnen große Käsehersteller ebenso wie Handwerker und ein Produzent von Frischfutter für Tiere – waren gut informiert und stellten gezielte Anfragen, was nicht nur in mehrere konkrete Projektanstöße mündete, sondern auch in zahlreiche Auftragsabschlüsse.“ Der Schwerpunkt lag dabei auf Schalensiegel- und Tiefziehanlagen. Nathalie Bonks Fazit: „Bei der nächsten Anuga Foodtec 2021 sind wir definitiv wieder dabei.“

Beispiele für Verpackungen, die mit WEBOMATIC-Maschinen produziert wurden. Fotos: Andreas Tietz


WEBOMATIC beschäftigt am heutigen, 1988 errichteten Firmenstandort in Bochum rund 130 Mitarbeiter. Im Zuge des Umzuges dorthin wurde aus der Firma Webo Apparatebau die WEBOMATIC Maschinenfabrik GmbH. Seit 1958 hat das Unternehmen über 100.000 Maschinen an Kunden in der ganzen Welt verkauft. Schwerpunkte sind die Sparten Lebensmittel und Medizinprodukte, aber auch hochsensible Industrieprodukte werden mit WEBOMATIC-Maschinen verpackt.

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