26. Oktober 2020

Heidelberg stellt Produktion der „Primefire“ ein

Der Vorstand der Heidelberger Druckmaschinen AG (Heidelberg) hat im MĂ€rz das im vergangenen Jahr angekĂŒndigte umfassende Maßnahmenpaket beschlossen, um kurzfristig die Strukturkosten zu reduzieren und die ProfitabilitĂ€t des Unternehmens nachhaltig zu verbessern. Man wolle sich kĂŒnftig auf das „rentable KerngeschĂ€ft“ konzentrieren, heißt es in einer Unternehmensmeldung.

Dazu gehören offenbar weder die auf den Verpackungsdruck zielende und erst 2018 mit großem Marketingdonner in den Markt eingefĂŒhrte Inkjetdruckmaschine „Primefire“ noch die Sparte der Großformatdruckmaschinen. In der Pressemitteilung heißt es dazu:

Von einzelnen Produkten, die deutlich zu wenig Ertragskraft generieren und mit einem jĂ€hrlichen Verlust von in Summe rund 50 Mio. Euro die ProfitabilitĂ€t des Unternehmens erheblich belasten, wird sich Heidelberg trennen. So hat sich im Bereich des Digitaldrucks der Markt fĂŒr das Produkt Primefire 106 aufgrund des schwierigen Branchen- und Marktumfeldes deutlich langsamer entwickelt als angenommen. Auch im Bereich Bogenoffsetdruck bleibt der Produktbereich „Großformat“ deutlich hinter dem angestrebten Umsatz zurĂŒck, da sich die Marktstruktur fĂŒr dieses Teilsegment grundlegend verĂ€ndert hat. Um die GesamtprofitabilitĂ€t schnellstmöglich zu verbessern, wird die Produktion in beiden Bereichen bis spĂ€testens Ende 2020 eingestellt. Ziel ist es, Heidelberg konsequent auf die profitablen AktivitĂ€ten auszurichten, um so aus eigener Kraft die operative StĂ€rke und ProfitabilitĂ€t auch in schwierigen Zeiten sicherzustellen.

Die Primefire 106 wĂ€hrend der PrĂ€sentation auf dem Heidelberg Packaging Day im Mai 2018. Neben der Pilotinstallation bei Colordruck Baiersbronn lagen zu diesem Zeitpunkt laut Heidelberg bereits 16 weitere Bestellungen fĂŒr die Inkjet-Druckmaschine vor. Foto: Andreas Tietz

Durch Konzentration auf das rentable KerngeschĂ€ft und konsequente Anpassung der Kostenbasis soll eine Verbesserung beim EBITDA ohne Restrukturierungsergebnis von 100 Mio. Euro realisiert werden. Gleichzeitig werde durch die RĂŒckĂŒbertragung von LiquiditĂ€tsreserven aus Treuhandfonds die Nettofinanzverschuldung nahezu vollstĂ€ndig abgebaut werden. Dadurch werde sich die finanzielle StabilitĂ€t von Heidelberg deutlich verbessern.

„Die Neuausrichtung von Heidelberg ist ein einschneidender Schritt fĂŒr unser Unternehmen, der auch mit schmerzhaften Maßnahmen einhergeht. So schwer uns diese Entscheidung gefallen ist, so notwendig ist sie, um unser Unternehmen wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Indem wir unprofitable Produkte einstellen, legen wir unseren starken, profitablen Kern frei. In diesem Bereich werden wir durch die Chancen der Digitalisierung die fĂŒhrende Marktstellung von Heidelberg weiter ausbauen. Unseren Kunden weltweit werden wir weiterhin konsequent technologisch fĂŒhrende digitale Lösungen und Dienstleistungen anbieten“, sagt Rainer Hundsdörfer, Vorstandsvorsitzender von Heidelberg.

Die vollstÀndige Meldung lesen Sie hier.

Kommentar

von Andreas Tietz

Als ich diese Meldung zum ersten Mal las, dachte ich nur: Och nö, Heidelberg, das kann doch nicht wahr sein! Gerade erst hatte ich eine Analyse eines Fachkollegen veröffentlicht, der die Chancen und Möglichkeiten des Digitaldrucks in der Verpackungsproduktion hervorhob. Und schließlich war ich persönlich beim Packaging Day im Mai 2018 dabei, als derselbe Rainer Hundsdörfer, der 2020 die Primefire als „unrentabel“ beerdigt, sagte: „Dem Digitaldruck kommt eine zentrale Rolle zu. Wir wollen nach schwierigen Zeiten wieder wachsen. Dazu gehört, dass wir den Kunden einerseits besser zuhören und auf ihre BedĂŒrfnisse eingehen, aber andererseits ihnen auch dabei helfen, neue GeschĂ€ftsfelder zu erschließen.“ Der adressierbare Markt fĂŒr den weiter wachsenden Digitaldruck besonders im boomenden Verpackungsdruck sei schon jetzt leicht grĂ¶ĂŸer als der fĂŒr den stagnierenden Bogenoffsetmarkt, so Hundsdörfer damals vor Journalisten weiter. Genau dieser „stagnierende Bogenoffsetmarkt“ soll also jetzt das profitable KerngeschĂ€ft sein? NatĂŒrlich haben neue Technologien wie der nun wirklich gar nicht mehr so neue Digitaldruck immer Anlaufschwierigkeiten. Die gemeinsam mit Fuji entwickelte Primefire hatte alle Voraussetzungen, sich als digitale Alternative zum Bogenoffset im Markt zu etablieren – einen langen Atem und Visionen vorausgesetzt. Elon Musk verdient mit Tesla bis heute kein Geld, und dennoch ist sein Unternehmen das wertvollste der Welt. HĂ€tte er zwei Jahre nach Produktionsstart aufgegeben, weil keine Gewinne generiert wurden, wĂŒrde heute niemand mehr ĂŒber Tesla reden. Einen langen Atem hatte Heidelberg in Sachen Digitaldruck aber noch nie – schließlich ist die Primefire nicht der erste vorzeitig wieder aufgegebene Versuch, in diesem Sektor Fuß zu fassen. Offenbar gehört Digitaldruck aber einfach nicht zur DNA des Unternehmens und seiner ReprĂ€sentanten. Niemand besitzt eine Glaskugel, aber ob die Entscheidung, Millionen Euro an Entwicklungskosten in den Wind zu schießen, weil der Markt sich „nicht schnell genug entwickelt“, am Ende eine weise Entscheidung war, darf bezweifelt werden.

Andreas Tietz

Andreas Tietz ist Diplom-Journalist mit Spezialisierung auf technisch-wissenschaftliche Themen. Nach mehreren Jahren in der IT-Branche berichtet er seit 2006 in verschiedenen Fachmedien ĂŒber Neuigkeiten aus der Druck- und Papierindustrie sowie der Verpackungsindustrie.

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