21. Oktober 2021

Heidelberg stellt Produktion der „Primefire“ ein

Der Vorstand der Heidelberger Druckmaschinen AG (Heidelberg) hat im März das im vergangenen Jahr angekündigte umfassende Maßnahmenpaket beschlossen, um kurzfristig die Strukturkosten zu reduzieren und die Profitabilität des Unternehmens nachhaltig zu verbessern. Man wolle sich künftig auf das „rentable Kerngeschäft“ konzentrieren, heißt es in einer Unternehmensmeldung.

Dazu gehören offenbar weder die auf den Verpackungsdruck zielende und erst 2018 mit großem Marketingdonner in den Markt eingeführte Inkjetdruckmaschine „Primefire“ noch die Sparte der Großformatdruckmaschinen. In der Pressemitteilung heißt es dazu:

Von einzelnen Produkten, die deutlich zu wenig Ertragskraft generieren und mit einem jährlichen Verlust von in Summe rund 50 Mio. Euro die Profitabilität des Unternehmens erheblich belasten, wird sich Heidelberg trennen. So hat sich im Bereich des Digitaldrucks der Markt für das Produkt Primefire 106 aufgrund des schwierigen Branchen- und Marktumfeldes deutlich langsamer entwickelt als angenommen. Auch im Bereich Bogenoffsetdruck bleibt der Produktbereich „Großformat“ deutlich hinter dem angestrebten Umsatz zurück, da sich die Marktstruktur für dieses Teilsegment grundlegend verändert hat. Um die Gesamtprofitabilität schnellstmöglich zu verbessern, wird die Produktion in beiden Bereichen bis spätestens Ende 2020 eingestellt. Ziel ist es, Heidelberg konsequent auf die profitablen Aktivitäten auszurichten, um so aus eigener Kraft die operative Stärke und Profitabilität auch in schwierigen Zeiten sicherzustellen.

Die Primefire 106 während der Präsentation auf dem Heidelberg Packaging Day im Mai 2018. Neben der Pilotinstallation bei Colordruck Baiersbronn lagen zu diesem Zeitpunkt laut Heidelberg bereits 16 weitere Bestellungen für die Inkjet-Druckmaschine vor. Foto: Andreas Tietz

Durch Konzentration auf das rentable Kerngeschäft und konsequente Anpassung der Kostenbasis soll eine Verbesserung beim EBITDA ohne Restrukturierungsergebnis von 100 Mio. Euro realisiert werden. Gleichzeitig werde durch die Rückübertragung von Liquiditätsreserven aus Treuhandfonds die Nettofinanzverschuldung nahezu vollständig abgebaut werden. Dadurch werde sich die finanzielle Stabilität von Heidelberg deutlich verbessern.

„Die Neuausrichtung von Heidelberg ist ein einschneidender Schritt für unser Unternehmen, der auch mit schmerzhaften Maßnahmen einhergeht. So schwer uns diese Entscheidung gefallen ist, so notwendig ist sie, um unser Unternehmen wieder auf die Erfolgsspur zu bringen. Indem wir unprofitable Produkte einstellen, legen wir unseren starken, profitablen Kern frei. In diesem Bereich werden wir durch die Chancen der Digitalisierung die führende Marktstellung von Heidelberg weiter ausbauen. Unseren Kunden weltweit werden wir weiterhin konsequent technologisch führende digitale Lösungen und Dienstleistungen anbieten“, sagt Rainer Hundsdörfer, Vorstandsvorsitzender von Heidelberg.

Die vollständige Meldung lesen Sie hier.

Kommentar

von Andreas Tietz

Als ich diese Meldung zum ersten Mal las, dachte ich nur: Och nö, Heidelberg, das kann doch nicht wahr sein! Gerade erst hatte ich eine Analyse eines Fachkollegen veröffentlicht, der die Chancen und Möglichkeiten des Digitaldrucks in der Verpackungsproduktion hervorhob. Und schließlich war ich persönlich beim Packaging Day im Mai 2018 dabei, als derselbe Rainer Hundsdörfer, der 2020 die Primefire als „unrentabel“ beerdigt, sagte: „Dem Digitaldruck kommt eine zentrale Rolle zu. Wir wollen nach schwierigen Zeiten wieder wachsen. Dazu gehört, dass wir den Kunden einerseits besser zuhören und auf ihre Bedürfnisse eingehen, aber andererseits ihnen auch dabei helfen, neue Geschäftsfelder zu erschließen.“ Der adressierbare Markt für den weiter wachsenden Digitaldruck besonders im boomenden Verpackungsdruck sei schon jetzt leicht größer als der für den stagnierenden Bogenoffsetmarkt, so Hundsdörfer damals vor Journalisten weiter. Genau dieser „stagnierende Bogenoffsetmarkt“ soll also jetzt das profitable Kerngeschäft sein? Natürlich haben neue Technologien wie der nun wirklich gar nicht mehr so neue Digitaldruck immer Anlaufschwierigkeiten. Die gemeinsam mit Fuji entwickelte Primefire hatte alle Voraussetzungen, sich als digitale Alternative zum Bogenoffset im Markt zu etablieren – einen langen Atem und Visionen vorausgesetzt. Elon Musk verdient mit Tesla bis heute kein Geld, und dennoch ist sein Unternehmen das wertvollste der Welt. Hätte er zwei Jahre nach Produktionsstart aufgegeben, weil keine Gewinne generiert wurden, würde heute niemand mehr über Tesla reden. Einen langen Atem hatte Heidelberg in Sachen Digitaldruck aber noch nie – schließlich ist die Primefire nicht der erste vorzeitig wieder aufgegebene Versuch, in diesem Sektor Fuß zu fassen. Offenbar gehört Digitaldruck aber einfach nicht zur DNA des Unternehmens und seiner Repräsentanten. Niemand besitzt eine Glaskugel, aber ob die Entscheidung, Millionen Euro an Entwicklungskosten in den Wind zu schießen, weil der Markt sich „nicht schnell genug entwickelt“, am Ende eine weise Entscheidung war, darf bezweifelt werden.

Andreas Tietz

Andreas Tietz ist Diplom-Journalist mit Spezialisierung auf technisch-wissenschaftliche Themen. Nach mehreren Jahren in der IT-Branche berichtet er seit 2006 in verschiedenen Fachmedien über Neuigkeiten aus der Druck- und Papierindustrie sowie der Verpackungsindustrie.

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